Die Lotsen brauchen Nachwuchs

Interview mit dem Ältermann der Lotsen, Kapitän und Seelotsen Hans-Hermann Lückert


Fotos: Silke Worth-Görtz und Peter Crossley
Lotsenältermann Hans-Hermann Lückert. Lotsenversetzboot “Holtenau”

ProHo: Herr Lückert, Sie sind Ältermann, aber beileibe nicht der älteste Lotse, sondern der erste Mann in der Lotsenbrüderschaft Kiel, Lübeck und Flensburg mit Sitz auf der Holtenauer Schleuseninsel. Um den Jahreswechsel gab es ja viel Aufregung in den Schleusen und auf dem Kanal. Die neue Levensauer Hochbrücke hat seitdem ein Loch und ist gesperrt. Tanker beschädigten zwei Schleusentore, was in einem Fall zu einer stundenlangen Sperrung des gesamten Kanals führte. Aber eigentlich kann man doch mal wieder sagen: Schwein gehabt, es hätte alles noch viel schlimmer kommen können. War das eine rein zufällige Häufung von Unfällen oder sind der Kanal und seine Logistik schlichtweg überlastet?

H.-H. Lückert: Dies ist m. E. eine rein zufällige Häufung von Unfällen. Die Verkehrszahlen sind zwar gewaltig gestiegen, die Unfallzahlen für 2005 und 2006 jedoch nahezu identisch geblieben und im Verhältnis zum Verkehrsaufkommen verschwindend gering.

ProHo: Wachsende Verkehrszahlen, größere Schiffe und zur gleichen Zeit massive Einsparungen z. B. bei den Festmachern und sogar bei der Sicherheit, wie die Diskussion um das Feuerlöschboot zeigt. Kann das auf Dauer gut gehen?

H.-H. Lückert: Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Seit Jahren wehren wir uns gegen Sparmaßnahmen, die natürlich zu Lasten der Sicherheit gehen. Der Bund, zuständig für den Kanal als Bundeswasserstraße, hat den Kanal wohl nicht so recht im Blick. Da helfen dann schon mal so unglückliche Ereignisse, wie die Kanalsperrung zwischen Weihnachten und Neujahr. Die Schiffe stauten sich nicht nur vor unserer Haustür, sondern bis Dänemark, Frankreich und England.

ProHo: Das kratzt natürlich am Image der "meist befahrenen Wasserstraße der Welt". Aber Einsparungen des Bundes sind wohl nur ein Teil des Problems, denn auch Stadt und Land wollen z.B. das Feuerlöschboot ab 2008 ganz streichen. Ist man sich dort der Gefahrenpotenziale auf Kanal und Förde denn nicht bewusst?

H.-H. Lückert: Manchmal muss eben erst etwas passieren, bevor die Leute aufwachen. Aber in Sachen Feuerlöschboot "Kiel" ist es nicht alleine das Geld, was man dort natürlich gerne auch woanders einsetzt. Hier ist es ganz einfach schwierig, einen Kapitän zu finden, der sich mit einer Bezahlung nach öffentlichen Tarifen zufrieden gibt. Jede Reederei bietet weitaus mehr. Damit das Schiff zumindest bis Vertragsende 2008 weiterhin einsetzbar ist, haben wir als Lotsen unsere Hilfe angeboten und mit der Stadt einen Vertrag ausgehandelt. Neben dem für 20 Stunden pro Woche angestellten Kapitän stehen wir in Bereitschaft für den Notfall und als Ersatz bei Krankheit.

ProHo: Ja und danach? Wird die "Kiel" dann etwa verkauft oder zum Museumsschiff? Ist es nicht so, dass man in Rostock, Lübeck und Hamburg gerade auch wegen der steigenden Zahl an Kreuzfahrtschiffen und damit aus Gründen der Sicherheit über den Bau von neuen Feuerlöschbooten nachdenkt?

H.-H. Lückert: Richtig, gerade deswegen werden wir uns auch hier weiterhin für den Erhalt einsetzen.

ProHo: Auf Verordnung der UN Organisation IMO hat man innerhalb kürzester Zeit eine Menge Geld für Zäune, Videoüberwachung und Wachposten zum Schutz der in den Häfen liegenden Schiffe ausgegeben. Aber wer schützt eigentlich die Bevölkerung vor "Seelenverkäufern". Werden die Schiffe ausreichend kontrolliert?

H.-H. Lückert: Unser Kontrollnetz um den Kiel-Kanal ist gut aufgestellt. Die Wasserschutzpolizei prüft stichprobenartig und jedes Schiff muss damit rechnen, genauer unter die Lupe genommen zu werden. Sind die Papiere nicht in Ordnung oder bei Mängeln am Schiffszustand wird ein Schiffsbericht gemacht oder das Schiff sogar festgehalten. Mittlerweile kennt man auch seine "Pappenheimer". Technisches oder menschliches Versagen bei Unfällen ist jedoch nie auszuschließen. Die Verantwortung bleibt beim Kapitän, wir als Lotsen fungieren als sein Berater, sind freiberuflich und selbst verantwortlich tätig. Für den Kanal gilt mit einigen Ausnahmen die Lotsenpflicht, eine Auflage unerlässlich für die Sicherheit.

ProHo: Sie sagten vorhin, dass es schwierig sei, Kapitäne zu finden, zumindest für den öffentlichen Tarifbereich. Wie sieht es da bei den Lotsen aus? Gibt es auch hier Nachwuchssorgen?

H.-H. Lückert: Jede Menge. Deshalb werben wir bereits an der Fachhochschule und bieten spezielle Kurse an, wie z. B. im Manövrieren.

ProHo: Können auch Frauen Lotsinnen werden?

H.-H. Lückert: Selbstverständlich. Wenn sie bereit sind, in der Ausbildungszeit zur See zufahren, warum nicht? Nach bevorzugter Fachhochschulreife müssten sie dann genau wie ihre männlichen Kollegen zunächst für drei Jahre die Fachhochschule für Nautik in Bremen, Leer oder Elsfleth besuchen, fürs Ausfahren des W-Patentes geht es dann zwei Jahre auf See und um sich als Lotse bewerben zu können, kommen dann noch mal zwei Jahre reine Fahrtzeit auf See dazu. Diese können sie aber selbstverständlich auch unterbrechen.

Pro Ho: Und es möglicherweise bis zur "Älterfrau" bringen. Keine schlechte Perspektive. Herr Lückert, vielen Dank für das informative Gespräch. Pro Holtenau wünscht Ihnen immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel und dass viele junge Holtenauer fleißig an dem Nachwuchs arbeiten, den Sie für eine sichere Schifffahrt auf unserem Kanal brauchen.

Autor: Silke Worth-Görtz

© Arbeitskreis PRO HOLTENAU 2007