Schulpraktikum bei den Lotsen

"Kiel Traffic! Hier ist Action!"
Der norwegische Tanker "Troma" der Verkehrsklasse 4 bewegt sich langsam und behäbig aus der Schleusenkammer in Richtung Förde. Auf der Brücke herrscht trotz der geringen Abstände zur Mauer und anderen Schiffen erschreckende Gelassenheit. Der typische Kapitän mit Vollbart und rundem Bauch hält sich mit einer Kaffeetasse in der Hand im Hintergrund. An den Armaturen befindet sich lediglich der Steuermann, der in gewissen Abständen von dem Lotsen die Anweisungen erhält. Sie enthalten meist die Motorenleistung, die Ruderrichtung, die Aktivität von Seitenstrahlern sowie die Kursdaten. Die Gradzahlen der Kurse für die Kieler Förde und den Kanal muss jeder Lotse auswendig beherrschen. Außerdem muss er genau wissen, wann eine Kursänderung vorgenommen werden muss. Genau wie die rechtzeitigen Befehle für das Ruder und die Motoren. Schnell wird einem klar, dass man für diesen Beruf eine außerordentliche Routine und Erfahrung besitzen muss. Manche Lotsen haben auch einfach ein Gefühl dafür, wie sich das Schiff bewegen wird. Zudem spielen auch immer die naturbedingten Einflüsse eine Rolle. Der Wind schafft es mit Leichtigkeit, einen Tanker der Klasse 5 komplett von der Position abzubringen. Selbst wenn das Schiff anscheinend steht, heißt es nicht, dass keine Aktivität mehr auf der Brücke stattfindet. Durch Seitenstrahler muss ständig die Position korrigiert werden.
Wie schwer sich das Steuern eines Schiffes gestaltet, durfte ich auf dem russischen Transportschiff "Action" der Klasse 3 selbst einmal erfahren. Zuerst musste aber beim Auslaufen aus der alten Schleuse eine Meldung über UKW abgegeben werden, dass das Schiff jetzt die Schleuse verlässt. Dazu sollte ich mich bei "Kiel Traffic" melden, die den Verkehr vom Kieler Leuchtturm bis zur Schleuse überwachen. Der Lotse wies mich darauf hin, besser nicht: "Kiel Traffic! Hier ist Action" zu sagen, da dies zu Missverständnissen führen könnte. Also sagte ich: "Kiel Traffic! Hier ist die Action!". Nachdem wir die Schleuse verließen, gab mir der Lotse in Abständen den Kurs in Form von Gradzahlen vor. Ich musste nun versuchen, das Schiff möglichst exakt auf diesem Kurs zu halten, was sich aufgrund der Trägheit und der Verzögerung bis das Schiff reagiert, als extrem schwierig darstellte. Gibt man beispielsweise den Impuls nach Steuerbord, so passiert zunächst nichts. Vom Auto wäre man gewohnt, nun das Steuer weiter zu drehen. Jedoch braucht das Schiff einige Zeit, bis es sich tatsächlich bewegt. Meistens hat man dann schon zu weit gelenkt und man muss wieder kräftig gegenhalten. Es kann aber auch vorkommen, dass das Schiff sich gar nicht bewegt, also muss man härter lenken. Der Lotse meinte zu diesem Sachverhalt, dass Schiffe wie Frauen wären. Berufliche Steuermänner halten einen Kurs auf eine Stelle hinter dem Komma genau. Bei mir schwankte der Kurs innerhalb von 5 Grad. "Gar nicht so schlecht für das erste Mal", meinte der Lotse. Auf der Höhe des Kieler Leuchtturms werden die Seelotsen von den markant signalfarbenen Lotsenbooten abgeholt und zum Leuchtturm gebracht. Das Übersetzen vom Schiff über die Lotsenleiter auf das Boot kann bei rauer See schwierig werden, ist bei normaler körperlicher Verfassung aber keine große Herausforderung. Der Leuchtturm ist durch die integrierte Lotsenstation schon fast eine Art künstliche Insel. Neben der technischen Ausrüstung befinden sich hier eine Küche (zeitweise mit Köchin), ein Esszimmer und diverse Schlaf- und Aufenthaltsräume.

Die Kanallotsen werden in Breiholz bei Rendsburg von ihren Kollegen abgelöst. Auch dort muss mit einem Lotsenboot der fliegende Wechsel stattfinden. In Breiholz steht den Lotsen ebenso ein Haus zur Verfügung mit derselben Ausstattung, wie auf dem Leuchtturm. Die Kanalfahrten steuern die meisten Lotsen selbst, da es gerade mit Schiffen größer als Klasse 4 bei Gegenverkehr eng wird. Um dieses Problem zu vermeiden, befinden sich entlang des Kanals mehrere Weichen. Diese Buchten müssen aber auch zum richtigen Zeitpunkt genutzt werden. Dafür gibt es über UKW jede halbe Stunde eine Art Verkehrsmeldung.

Auch auf dem Kanal wird geblitzt. Aus verschiedenen Stationen am Kanal, die eigentlich zur Positionsbestimmung gedacht sind, kann es vorkommen, dass die Wasserschutzpolizei die Geschwindigkeit von maximal 8 Knoten kontrolliert. Nachdem ich mit einem Containerschiff eine solche Station passierte, informierte der Lotse das nächste uns entgegenkommende Schiff über die Situation, worauf sich der Lotse des anderen Schiffes bedankte.

Autor: Johannes Worth

© Arbeitskreis PRO HOLTENAU 2007